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Gemeindewerke Nümbrecht: Klein aber ökó

Die Gemeinde Nümbrecht im Bergischen Land schmiegt sich an den südlichen Rand Nordrhein-Westfalens. Seit 1987 Heilklimatischer Kurort, beherbergt Nümbrecht gut 17.000 Einwohner. Die schätzen die Nähe zu Köln und Bonn ebenso wie das ruhigere Leben auf dem Land. Seit 1996 sorgen nicht zuletzt die Gemeindewerke Nümbrecht dafür, die Gemeinde mit ihren hübschen Fachwerkhäusern, dem Schloss Homburg und Wald und Wiesen ringsum zukunftsfähig zu machen und gegenüber urbaneren Gegenden nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Karina Tuttlies, die Kaufmännische Geschäftsführerin des 37-Mitarbeiter-Unternehmens, spricht mit dem Stadtwerke Monitor über große Herausforderungen für kleine Stadtwerke.

Frau Tuttlies, die GWN beliefern mehr als 10.000 Kunden mit Strom, auch beim Gas sind Sie Grundversorger. Was schätzen die Kunden an den Gemeindewerken als lokalem Anbieter für Energie, Wärme, Wasser und Telekommunikation?

Sicher, dass wir immer den persönlichen Kontakt suchen. Es schmerzt uns sehr, dass das aufgrund der Pandemie im Moment nur eingeschränkt möglich ist. Wir achten sehr darauf, die Häuser unserer Kunden nur noch zu betreten, wenn es gar nicht anders geht. Die Hälfte der Mitarbeiter ist mal wieder im Homeoffice. Dennoch gibt es bei uns keine Endlos-Warteschleifen, der Kunde spricht nicht mit Bändern, sondern immer mit einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin der GWN. Er kann sich darauf verlassen, dass sich seinem Anliegen umgehend angenommen wird. Wir haben sogar eine eigene Feedback-Managerin, an die man seine Kritik – oder auch mal sein Lob – richten kann.  

Als 100-prozentige Tochter Nümbrechts, das sich wie viele andere verschuldete Städte in Nordrhein-Westfalen in Haushaltssicherung befindet: Wie verantwortlich fühlen Sie sich für die Gemeinde?

Wir freuen uns, einen Teil der Lebensqualität in Nümbrecht aufrecht erhalten zu können, etwa indem wir Vereine und Institutionen unterstützen und unseren Beitrag zu Festen leisten. Wir vergeben, wann immer möglich, Aufträge an Unternehmen aus der Region. Vor allem aber fließen alle Gewinne der GWN wieder zurück an die Gemeinde. Nicht zuletzt gelingt es uns, faire und wettbewerbsfähige Preise für unsere Produkte anzubieten, ohne dass wir uns mit jedem Billiganbieter messen wollten. Der zufriedene Kunde steht bei uns im Fokus.

Inwiefern spielt es diesbezüglich eine Rolle, dass Sie 1998 das Stromnetz von der RWE vor Gericht erstritten haben?

Dadurch konnte die Erneuerung und Instandhaltung des Netzes erst forciert werden. Unsere Mitarbeiter kennen das Netz bis ins kleinste Detail und sind bei einem Stromausfall direkt vor Ort.

Die Gemeindewerke im beschaulichen Nümbrecht

Wie gelingt es einem kleinen Gemeindewerk, angesichts explodierender Strom- und Gaspreise die Kosten für die eigenen Kunden weiterhin fair zu gestalten?

Die starken Schwankungen an der Börse stellen uns in der Tat vor Herausforderungen. Aber dadurch, dass die GWN immer einen großen Teil des Strombedarfs für einige Jahre im Voraus einkauft, konnten wir die Preisschwankungen für unsere Bestandskunden moderat halten. Leider ist es aber so, dass gerade sehr viele Anbieter, die vorher nur am Spotmarkt gekauft haben, vom Markt verschwinden. Das heißt, die GWN als Grund- und Ersatzversorger im Strom- und Gasbereich muss jetzt selbst tagesaktuell an der Börse einkaufen und da haben sich die Preise seit August zum Teil verfünffacht. Erstmals in unserer Geschichte müssen wir deswegen unterschiedliche Preise machen. Wir hoffen, dass die Situation sich im nächsten Jahr wieder entspannt.

Fusion für GWN kein Thema

Mit welchen Problemen sieht sich ein kleines Stadtwerk – auch jenseits von Pandemie und Börsenturbulenzen – konfrontiert?

Genau wie jedes große Unternehmen müssen wir alle gesetzlichen Vorschriften erfüllen und umsetzen. Angesichts immer häufigerer Gesetzesänderungen ist das mit einer kleinen Mannschaft oft aber sehr schwer zu leisten. Die GWN bedienen sich an dieser Stelle zwar fachkundiger Berater, was aber kostenaufwendig ist. Ich würde mir einen echten Bürokratieabbau wünschen, der uns kleinen Gemeinde- und Stadtwerken die Arbeit etwas erleichtern würde.

Wäre die Fusion mit einem größeren Stadtwerk da nicht die Lösung? Mehr Manpower, Synergien nutzen…

Eine Fusion kommt weder für die GWN noch für die Gemeinde Nümbrecht in Frage. Wir möchten weiterhin direkten Einfluss auf das Geschehen vor Ort nehmen und auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger, die wir zum größten Teil persönlich kennen, so gut wie bislang eingehen. Wie gut das funktioniert, zeigt sich am Beispiel des Breitbandausbaus sehr deutlich. In kürzester Zeit konnten wir fast die gesamte Gemeinde mit einem Glasfasernetz versehen.

Sie reden von der „Schnellen Luzie“?

Richtig. Bis auf fünf Orte und Teile des Hauptortes Nümbrecht, die schon als versorgt galten, ist zwischenzeitlich jedes Haus ans Glasfasernetz angeschlossen.  Wir haben in Nümbrecht, einer Flächengemeinde mit mehr als 90 Orten, auf 200 Kilometern Länge Tiefbauarbeiten vorgenommen. Jetzt profitieren von unserem schnellen Internet bereits knapp 4.000 Haushalte. In den wenigen noch fehlenden Orten starten wir 2022 mit dem Ausbau. Damit wären die letzten weißen Flecken beseitigt. Die Hausanschlüsse konnten wir dank der Landes- und Bundesförderung, die einer Gemeinde mit Nothaushalt zu 100 Prozent zusteht, im Übrigen für den Kunden völlig kostenlos verlegen.

GWN Vorbild bei Breitbandausbau und Klimaschutz

Dank der „Schnellen Luzie“ startet das kleine Nümbrecht mit Speed in die Zukunft?

Gerade in der Pandemie zeigt sich, wie wertvoll ein fast flächendeckendes Breitbandnetz für eine Gemeinde ist. In Nümbrecht gibt es keine Probleme im Homeoffice, auch Lernen von zu Hause aus klappt gut. Doch auch in normalen Zeiten schätzen es die Menschen, auf dem Land leben zu können und trotzdem nicht auf stabiles Internet verzichten zu müssen. Darüber hinaus wollen sich immer mehr Firmen in Nümbrecht ansiedeln, das beim Breitbandausbau als Vorzeigegemeinde gilt. Dass sich durch mehr Homeoffice und mehr Arbeitsplätze vor Ort der Pendlerverkehr verringern wird, ist neben der umweltfreundlicheren Herstellung von Glas sowie des geringen Stromverbrauchs eines Glasfasernetzes ein weiterer Beitrag, den diese Telekommunikationstechnologie zum Klimaschutz leistet.

Dem Klimaschutz haben sich die Gemeindewerke Nümbrecht schon vor langer Zeit verschrieben. 2008 zählten Sie zu den Pionieren, die auf Öko-Strom umgestellt haben.

Richtig, unser Bergischer Landstrom wird größtenteils durch Zertifikate „grün“. Der Naturstrom wird nachweislich aus norwegischer Wasserkraft produziert und durch das Label „Renewable Plus“ ist garantiert, dass Investitionen in weitere Anlagen für Erneuerbare Energien erfolgen. Wir selbst produzieren noch relativ wenig Öko-Strom. Da fehlen uns Windräder oder größere Möglichkeiten für Wasserkraft. Alle öffentlichen Dächer wurden jedoch weitgehend mit PV-Anlagen ausgerüstet und wir unterstützen unsere Kunden bei eigenen Photovoltaik-Projekten. Außerdem betreiben die GWN einige Blockheizkraftwerke. 

Richtig innovativ sind Sie im kleinen Nümbrecht allerdings beim Thema kalte Nahwärme.

Bereits 2012 haben wir in dem Bereich ein Pilotprojekt gestartet. Inzwischen setzen wir diese absolut CO2-freie Wärmetechnik in allen Neubaugebieten ein. In einem solchen kalten Nahwärmenetz wird in circa 1,5 Metern Tiefe durch eine spezielle Sole-Wasser-Leitung die Umgebungswärme aus dem Erdreich aufgenommen und zu den Häusern transportiert. Die Temperatur der Sole liegt bei fünf bis 15 Grad, deswegen „kalte“ Nahwärme. Wärmepumpen erhitzen das Sole-Gemisch vor Ort auf die nötigen Temperaturen zum Heizen. Betrieben werden die im Contracting installierten Pumpen fast ausschließlich mit Öko-Strom der GWN. Das Ergebnis: 100 % regenerative Wärme.

Vielen Dank für das Gespräch.

Karina Tuttlies, Jahrgang 1968, lebt mit Mann und zwei Kindern in Nümbrechts Nachbargemeinde Ruppichteroth und war 23 Jahre in der Industrie beschäftigt. 2012 wechselte die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau und staatlich geprüfte Bilanzbuchhalterin zu den Gemeindewerken. Seit 2018 hat sie die kaufmännische Leitung inne. Die Geschäftsführung teilt sich Tuttlies mit dem Technischen Geschäftsführer Stefan Muth. Bei acht Sparten sei das gar nicht anders möglich. Sie sagt: „Wir sind zwar ein kleines Unternehmen, aber sehr breit aufgestellt.“


Fotos: Gemeindewerke Nümbrecht